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GWFH GdPdR 3: Der Greif Apollos statt Minervas Eule: Hegels Traum, heute weitergeträumt von der Poesie

September 20, 2014 // von Joachim Landkammer

Sebastian Kleinschmidt zitiert heute (20.9.) in der FAZ aus Botho Strauß‘  „Gedankenbuch“ (Titel: „Allein mit allen“) eine Passage, die mich an Hegels Anspruch einer philosophischen, weder verstandes- noch gefühlsmäßigen Welterkenntnis erinnert:

„Was für eine Welt, da sich der Dichter noch der Anschauung hingeben durfte, um das Wesen der Dinge zu ergründen! Ein Sommerwald, ein Mineral, ein pockennarbiges Gesicht — und nun in die konturlose Schwingung der Materie verstoßen, da alles Wesentliche im Unsichtbaren geschieht. Seit langem sind Einsichten in die Natur nicht mehr eidetisch, sondern technisch inspiriert. Der Computer ist das Mikroskop der heutigen Naturforscher. Aber ist Sprache dem Unsichtbaren nicht wesensnah verwandt? Hat sie nicht eindrucksvoll vom Numinosen gezeugt, vom Denken selbst und dem geheimsten Gefühl? Nun tritt eine physische Wirklichkeit hinzu, die sich dem Auge entzogen hat. Die Sprache, die von ihr zeugt, entfernt sich von den äußeren Umrissen der Gegenstände, wird Teil des Nebels, der Wolke und des Winds. Der Hof und die Streuung von etwas wird ihr wichtiger als seine >Festigkeit<, seine Feststellbarkeit. Die Anklänge, das Mitverstehen wichtiger als die >konkrete Bedeutung<. Sie spricht gewissermaßen selber hochgradig zerstreut.“

Strauß beschwört (romantisierend?) die poetische Sprache, die gerade durch Unkonkretheit und Vagheit den unsichtbaren „inneren Puls“ (Hegel S. 15) der Wirklichkeit noch zugänglich machen kann. Im folgenden Satz von B. Strauß könnte man „Poesie“ und „poetisch“ durch „Philosophie“ und „philosophisch“ ersetzen, und man hätte eine perfekte Hegelsche Sentenz:

„Allein die Poesie hält die Verknüpfung, welche selbst der ‚komplexen Vernetzung‘ an Dichte überlegen ist. Die poetische Vernunft ist die Führerin des Wissens, das sich selbst erforschen will.“

Sagt die verspätete Eule zum Greif, dem Vogel des für die Dichtung zuständigen Minerva-Kollegen: „Apollo, übernehmen Sie“? Hegels Projekt heute nur noch denkbar als eine poetische Apollo-Mission? Oder als Vogel-„Strauß“-Weltflucht?

5 Kommentare zu “GWFH GdPdR 3: Der Greif Apollos statt Minervas Eule: Hegels Traum, heute weitergeträumt von der Poesie

  1. Maren Lehmann meint:

    Vielleicht ist die „grau-in-grau“-Dämmerung des Philosophen der Abend, die Dämmerung des Dichters aber der Morgen. Also ist vielleicht die Zeit, die der Philosoph in Gedanken fasst, der Tag. Die Zeit des Dichters aber ist die Nacht.
    Mit Strauß‘ (1994) Begriff des „dämmerns“ und vor allem mit Hilbig, der die Dämmerung „eine stunde unruhe ungefähr“ nennt (Werke I, Gedichte, 2008: 400)

    • Maren Lehmann meint:

      Vgl. auch Durs Grünbeins „Grauzone, morgens“.

      Nachtrag: Ich habe einen älteren (ML 2011) Text zum Grau/Grün-Problem im S1 eingestellt; Quelle: http://www.transcript-verlag.de/media/pdf/dcb306bf78fb550de1a67c5608623fa6.pdf

      • Joachim Landkammer meint:

        Ein schöner Text, der mit seinem wissenschaftstheoretischen Postmodernismus (wenn ich das mal sehr grob so verkürzen darf) die ganze Distanz zu Hegel sichtbar macht; geht es bei ihm doch gerade nicht um Nuancierungen und um „graue“ farblose Zurückhaltung, sondern – natürlich – um das „Ganze“. Das zeigt kurz vor der grau-in-grauen Eule die Passage, in der sich H. gegen die „halbe Philosophie“ ausspricht, die von Gott und Staat wegführe (Urgedanke jedes revolutionären Maximalismus: das Halbe ist nicht besser, sondern viel schlimmer als gar nichts!), und wo er sich von Erkenntnis keinen indifferenten, sondern einen „warmen Frieden“ mit „der Wirklichkeit“ verspricht (S.17). Du schreibst. „Die Theorie muss die Farbe ihrem Gegenstand lassen können; nicht zuletzt darin ist sie asketisch, nüchtern, kühl, eben: blass, grau.“ Bei Hegel ist sie zumindest eines davon nicht: „kühl“.

  2. Maren Lehmann meint:

    grau grau graues durcheinander
    von wo kein zug abfährt wo ein riesiger rabe
    sich schwarz zwischen die schienen setzt
    bahnhof das ist aller orte kältester nachts
    schläft niemand

    (Hilbig, Werke I, Gedichte, 2008: 22)

  3. Julian Schellong meint:

    Hallo,

    leider habe ich noch keine Rückmeldung vom Admin der Seite erhalten und ich kann keine eigenen Posts anlegen; deswegen hier nun völlig unabhängig von Poesie und den vorangegangenen Posts nochmal der Hinweis auf Ágnes Hellers Reflektionen über Hegels Vorrede vom 18.6.2008 in Stuttgart: http://www.izkt.de/index.php/cat/87/aid/355/title/Erstmals_online:_Podcasts_aus_der_Reihe_Kulturtheorien

    Für Heller bedeutet „Hier ist Rhodus, hier springe“: Wir können nicht über unser eigenes Rhodus, die Epoche der Moderne, hinausspringen. Es ist unmöglich, die Essenz der Moderne metaphysisch zu begreifen, so lange wir in ihr drin stecken. Für Hegel ist es dennoch die Aufgabe der Philosophie, die Substanz der Moderne freizulegen. Diese Substanz ist im Sinne des Weltgeistes ewig und immanent; sie ist Subjekt und gibt der Moderne eine Bedeutung, die sich in allen Erscheinungen, Kontingenzen und Transzendenzen ausdrückt. Nun können wir aber als Kinder der Moderne diese, unser Rhodus, nicht vollständig überblicken, geschweige denn verstehen oder repräsentieren.

    Wir können vielleicht nicht über Rhodus hinausspringen, aber wenigstens ein bisschen auf der Stelle hüpfen: In Reflektionen über verschiedene spezifische Phänomene und Probleme der Moderne (Arbeit, Technik, Denken, Wissenschaften…) erhaschen wir zumindest ein bisschen von ihrer Substanz; dies ist es eigentlich, was jeder moderne Philosoph oder Soziologe versucht. Demnach ist die Philosophie noch nicht mal das simple Nachsingen der Melodie, die unsere Zeit uns vorsingt, um mit Herrn Landkammer zu sprechen, es ist eigentlich noch viel schlimmer. Ihre Melodie weht nur unvollständig zu uns rüber und beim Nachsingen treffen wir nur jeden zweiten Ton; aber immerhin, Hauptsache ist erstmal dass wir überhaupt singen.

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